Transkript Wedel

DER TITEL

 

Kassandra Wedel [00:00:24]

 

Verriss und Vorurteil. Ein Theaterpodcast.

Heute mit mir als Gast: Kassandra Wedel.

Titel der Sendung: Töne werfen kleine Schatten. Wie man mit den Augen hört.

 

DAS INTRO

 

Maximilian Sippenauer [00:00:24]

 

Hallo zu "Verriss und Vorurteil" mit mir, Maximilian Sippenauer...

 

Benedikt Mahler [00:00:27]

 

...und mit mir, Bene Mahler.

 

Maximilian Sippenauer [00:00:29]

 

Cool, dass ihr reinhört.

 

Benedikt Mahler [00:00:29]

 

Wir möchten euch gleich unseren heutigen Gast vorstellen. Bei uns ist die Schauspielerin, Performerin und Tänzerin Kassandra Wedel. Herzlich Willkommen zu Verriss und Vorurteil.

 

Kassandra Wedel [00:00:39]

 

Hallo. Freut mich.

 

Maximilian Sippenauer [00:00:42]

 

Kassandra, du hast eine beeindruckende Karriere und deine Karriere ist noch beeindruckender, wenn man weiß, du kannst nicht hören und wir fanden es schon mal verdammt mutig, dass du ganz ohne Dolmetscher bei uns bist und uns beiden Nuschel-Phillips von den Lippen abliest.

 

Benedikt Mahler [00:00:57]

 

Und das bedeutet ja schon mal gleich von vornherein - da haben wir viel drüber nachgedacht - viele deiner gehörlosen Fans und auch du kannst diese Podcastfolge nicht anhören. Das hat uns zum Nachdenken gebracht und wir haben gleich mal vom Fleck weg entschlossen, dass wir ab sofort alle unsere Episoden auf unserer Homepage auch als Text zur Verfügung stellen.

 

Kassandra Wedel [00:01:16]

 

Super Idee.

 

Maximilian Sippenauer [00:01:18]

 

Damit sind wir eigentlich auch schon mitten in einem der Themen unserer heutigen Sendung. Denn wie steht's eigentlich um Inklusion am Theater. Eine Frage, bei der du Kassandra ja ganz viele Steine ins Rollen gebracht hast.

 

Benedikt Mahler [00:01:29]

 

Und wir wollen natürlich mit dir über die Künstlerin Kassandra Wedel reden und für alle, die noch nicht in den Genuss kamen, dich auf der Bühne oder im Fernsehen zu sehen. Eine kleine Vorstellung von Anna Landefeld.

 

 

DIE VORSTELLUNG

 

Anna Landefeld [00:01:42]

 

Wenn die Schauspielerin Kassandra Wedel eine Zigarette raucht, kann es schon sein, dass ihr diese zehn oder siebzehn Mal ausgeht. Denn die Schauspielerin Kassandra Wedel hat viel zu erzählen. Sie stand im Tatort unter Tatverdacht, tanzte live vor einer Millionen Menschen und war sowieso immer auf der Bühne. Viel zu erzählen also und wichtiger: viel zu sagen. Etwa über das Zwischen-den Sinnen-wandeln und Welten-gehen, über das Mittendrin-sein im Außen-vor und über den tonlosen Tanz, der so wild leuchtet wie die Zigarette, die wie eine zweite Zunge zu all dem Gesagten in einer Grammatik aus roten Bahnen in den Abend spricht, bis sie erschöpft erlischt. Dann sagt Kassandra: "Scheiße ich Quatsch zu viel." Das stimmt aber nicht. Sprich weiter. Zünd' sie wieder an!

 

DAS GESPRÄCH

 

Maximilian Sippenauer [00:02:39]

 

Kassandra, du tanzt, seit du 13 bist, auf Hip-Hop. Du hast damit eine Fernsehshow gewonnen und warst sogar im Hip-Hop-Tanzen Europameisterin. Als Expertin, magst du eigentlich lieber den deutschen oder amerikanischen Hip-Hop?

 

Kassandra Wedel [00:02:52]

 

Es kommt drauf an. Wir benutzen schon viel amerikanischen HipHop. Weil es halt sehr oft im Mainstream ist und die Beats sind oft gut fühlbar. Aber es gibt auch deutsche Musiker, die ich mag. Wie zum Beispiel "Lary", kennt ihr die? Aus Berlin. Ihre Musik mag ich auch. Es sind halt vielleicht nicht die kräftigsten Beats. Aber ich mag ihre Songtexte und ihre Beats sind schon fühlbar.

 

Benedikt Mahler [00:03:19]

 

Deine Liebe zu fetten Bässen und fetten Beats erklärt sich ja daraus, dass du Musik vor allem über Schallwellen aufnimmst. Das heißt, zu Hause drehst du ja wahrscheinlich auch manchmal die Mucke auf. Wie finden es denn deine Nachbarn?

 

Kassandra Wedel [00:03:35]

 

Die Nachbarn kennen mich laut. (lacht laut) Zuhause habe ich einen speziellen Suit Bag. Das ist so ein Bass, den man auf dem Rücken trägt. Oder ich habe ein Basslett. Das ist so ein kleines Armband, mit dem man den Bass am Handgelenk fühlt. So bin ich flexibel. Ich kann in jeden Raum gehen, ich kann auch draußen auf der Straße trainieren. Es ist egal, es ist halt nicht so laut. Das ist eine super Lösung.

 

Maximilian Sippenauer [00:04:02]

 

Wenn man jetzt als Hörender über Hip-Hop redet, dann geht es sehr viel um Sprechgesang und damit auch um die Texte. Wie ist das für jemanden, der nicht hört und vermutlich vor allem nach Beats auswählt oder vielleicht nach der Ästhetik der Videos. Welche Rolle spielen Rap-Texte für dich?

 

Kassandra Wedel [00:04:18]

 

Ich glaube, gerade weil ich taub bin, achte ich sehr darauf, welche Musik und welche Texte ich benutze. Ich weiß, sonst kommen dann nur Vorurteile wie "ja, die hört ja nicht." Da gab's so eine Geschichte, die ist ganz lustig. Die ist schon lange her. Meine Tänzerinnen hatten damals Abitur gemacht und gesagt: "Boah, dieses Lied, was ich gerade angemacht hab, ist so geil. Der Beat ist so geil. Den Song, den nehmen wir beim Abitur," und so weiter. Und der Beat war so richtig kräftig. Wirklich gut. Da hab' ich mir gedacht, wenn die den so geil finden, dann will ich den nehmen. Dann habe ich mich zuhause hingesetzt, hab' mir den Text angeschaut. Es war... ich glaube Bushido oder so. Er hieß auf jeden Fall: "Ich bin ein schlechtes Vorbild". Dann habe ich mir gedacht: "Scheiße, der Text. Den kann ich nicht nehmen. Wenn wir darauf performen, was denken dann die Leute? Was bin ich dann für ein Vorbild? Ich bin doch taub! (lacht) Nicht nehmen! Nicht nehmen! Aber der Beat war leider echt gut.

 

Benedikt Mahler [00:05:13]

 

Hier bei uns bei "Verriss und Vorurteil" steht ja als Label unten drunter. Ein Theaterpodcast. Und mit Theater verbinden ja ganz viele Erzählen und mit Erzählung Sprache und Text. Wenn du Kassandra jetzt ins Theater gehst, hängst du dann die ganze Zeit an den Übertiteln und an den Lippen der SchauspielerInnen. Oder konzentrierst du dich mehr auf die visuelle Performance?

 

Benedikt Mahler [00:05:41]

 

Warum?

 

Kassandra Wedel [00:05:43]

 

Ich weiß, ich weiß, es klingt unschön, aber ich wollte immer so gerne ins Theater gehen. Aber mich hat gestört, dass ich gar nicht verstehe, was die Schauspieler da reden. Ich hab‘ mich mehr auf das Visuelle konzentriert. Später hab' ich gemerkt: Ich kann mir nicht alle Stücke ansehen und bin hinterher enttäuscht. Ich fragte mich: Warum? Was soll ich da? Dann habe ich angefangen andere Stücke anzuschauen. In den Kammerspielen zum Beispiel "Tauberbach", das war ein Tanztheater. Und es war besser. Also klar, wurde auch nicht so viel geredet. Also teilweise ein bisschen. Später hab' ich den Mut gefunden und bin wieder öfter ins Theater gegangen. (lacht) Da war ich in "Wut" zum Beispiel von Elfriede Jelinek. Da haben sie Übertitel. Ich glaube, das Stück geht drei oder vier Stunden und sie haben alles übertitelt. Das war super. Aber es ist unmöglich bei den Schauspielern irgendwie von den Lippen abzulesen. Es geht so schnell und ist weit weg. Es ist schon schwierig, ja.

 

Maximilian Sippenauer [00:06:42]

 

Jetzt gehst du ja nicht nur ins Theater, sondern du stehst selbst auch auf der Bühne. Eine Frage, die wir eigentlich allen unseren Künstlern gestellt haben. Warum wolltest du überhaupt Tänzerin oder Schauspielerin werden? Warum wolltest du auf die Bühne?

 

Kassandra Wedel [00:06:57]

 

Ich glaube, ich hatte nie ein bewusstes Gefühl, dass ich Tänzerin oder Schauspielerin werden will. Es hat sich so ergeben. Ich bin ständig auf der Bühne gestanden für eine Tanzgruppe, ich hab‘ Theater gespielt. Ich habe meine Ausdrucksform darin gefunden. Ich hatte auch das Gefühl, die Leute schauen und hören mir zu, wenn ich da stehe. Wenn ich nichts gemacht hätte, dann wäre ich verschwunden wie viele andere Taube auch, am Rande der Gesellschaft. Man würde nichts davon mitbekommen. Keiner würde auf die Idee kommen, dass es möglich ist, dass man als Taube tanzen kann oder Theaterspielen kann. Also klar, Taubheit ist im Alltag ja eine unsichtbare Behinderung. Sie fällt nicht so schnell auf.

 

Benedikt Mahler [00:07:39]

 

Kassandra, du hast mit drei Jahren bei einem Autounfall dein Gehör verloren. Das ist jetzt sehr lange her, du bist mittlerweile Mitte dreißig. Erinnerst du dich daran, wie es war, als du hören konntest?

 

Kassandra Wedel [00:07:52]

 

Ich kann mich gar nicht daran erinnern, wie es war. Ich kann mich nur bildlich daran erinnern, wie das war zu hören. Wir haben zu Hause Musik gemacht, gesungen. Aber ich kann mich nicht erinnern, wie die Dinge geklungen haben, also nicht bewusst. Vielleicht erinnert man sich unterbewusst schon, da hat man das wahrscheinlich gespeichert. Weil ich habe schon eine auditive Vorstellung oder Fantasie. Das habe ich schon. Wenn ich im Alltag Dinge sehe, habe ich manchmal das Gefühl, ich höre sie. Oder wenn sich Dinge bewegen. Aber ich höre sie nicht wirklich, aber in meinem Kopf schon.

 

Maximilian Sippenauer [00:08:29]

 

Das ist spannend. Du sagst, du hast eine bildliche Fantasie von Klängen von Tönen oder eine auditive Fantasie. Könntest Du uns das einmal an einem Beispiel beschreiben?

 

Kassandra Wedel [00:08:44]

 

Wenn ich einen Wasserfall sehe, habe ich das Gefühl, ich höre das Wasser plätschern. Aber sobald er aus meinem Blickfeld gerät, höre ich ihn nicht mehr, obwohl er eigentlich noch da ist. Eigentlich müsste man ihn wahrscheinlich immer noch hören. Aber dadurch, dass ich ihn nicht mehr sehe, höre ich ihn nicht mehr. Er ist aus meiner Vorstellung weg. 

 

Benedikt Mahler [00:09:07]

 

Also stellst du dir manchmal vor, wie Dinge klingen?

 

Kassandra Wedel [00:09:10]

 

Nicht bewusst. Es ist auch nicht immer da, das muss ich schon sagen. Es ist nicht immer so. Ich glaube, es ist nur so in gewissen Momenten der Ruhe, wenn es in meinem Kopf nicht zu laut ist.

 

Maximilian Sippenauer [00:09:21]

 

Das sind ja alles Erfahrungen, die dich auch als Künstlerin und Schauspielerin total stark machen und in synästhetische Ausdrucksformen münden, also in Ausdrucksformen, in denen verschiedene Sinne miteinander verschmelzen. Zum Beispiel kannst du ja Musikalität visuell übersetzen. Das klingt jetzt total abstrakt. Aber kannst du das mal beschreiben?

 

Kassandra Wedel [00:09:42]

 

Es gibt verschiedene Arten und Möglichkeiten. Man kann zum Beispiel einen Songtext gebärden, also in Gebärdensprache wiedergeben. Man kann auch Gebärden-Poesie machen. Sie ist nochmal eine andere Art, so wie für euch Lyrik oder wenn ihr Lyrik lest. Da entsteht etwas Visuelles für das Auge. Wie ein Text, der sich bewegt.

 

Benedikt Mahler [00:10:04]

 

Und jetzt tanzt du nicht nur auf der Bühne und gebärdest nicht nur, sondern du sprichst auch auf der Bühne und zwar mit deiner eigenen Stimme so wie hier bei uns jetzt auch. Und wenn wir hier Kollegen von dir, Schauspielkollegen hier haben, dann sprechen die mit uns hier im Podcast natürlich auch anders, als wenn sie spielen. Sprichst du denn auf der Bühne auch anders als im Alltag, also sowohl mit deiner Stimme als auch mit deinem ganzen Körper?

 

Kassandra Wedel [00:10:27]

 

Wenn wir auf der Bühne stehen, auch wenn wir Theater in Gebärdensprache machen, dann müssen wir größer gebärden, damit auch das Publikum, das weiter hinten sitzt, es noch sehen kann. Ich glaube, meine Stimme ist schon anders. Lauter. (lacht).

 

Maximilian Sippenauer [00:10:44]

 

Bene und ich haben dich ja vor Kurzem gesehen und da hast du ja quasi lauter gebärdet, also in größeren Gesten. Und das hat uns an eine ganz große, vergessene und bisschen despektierlich betrachtete Kunstform erinnert, nämlich an die Pantomime. Ist das jetzt total naiv, was wir uns da zusammendenken oder gibt es da wirklich eine Verbindung?

 

Kassandra Wedel [00:11:05]

 

Ich denke in gewisser Weise schon, weil Pantomime ist auch eine Art der Körpersprache. Also klar, Gebärdensprache ist schon anders. Sie hat eine eigene Grammatik und ist schon eine eigene Kommunikationsform, so wie Englisch oder Deutsch. Aber ich kann verstehen, dass man es auf den ersten Blick mit Pantomime verbindet. Es ist halt einfach Körpersprache. Der Ausdruck, der beim Gebärden benutzt wird, zum Beispiel die Mimik. Ich würde sagen, dass ist so wie euer Ton oder wie die Stimme oder die Art, wie man etwas sagt. Das kann unsere Mimik ausdrücken. Und es gibt zum Beispiel auch eine Gebärdenform, die heißt: visual vernacular. "VV", so heißt das. Das ist eine alte Gebärden-Poesie. Da wird es etwas mehr bildlich dargestellt. Es wird nicht in Sätzen gebärdet, nicht erklärt, sondern wie beim Film: Etwas wird in 3-D-Form dargestellt.

 

Benedikt Mahler [00:12:02]

 

Jetzt sind wir schon beim 3-D-Film und eigentlich wollen wir noch weiter zurück in die Vergangenheit, denn auf die Pantomime kamen wir, weil wir das irgendwie auch mit der großen Stummfilmära in Verbindung gesetzt haben, also der dominierenden Spielkunstform dieser Zeit. Und Max und ich, wir haben ja zusammen Film studiert und unsere Professorin hat uns damals immer eingebläut: Der Stummfilm ist nicht defizitär! Es ist nicht einfach nur ein Film dem der Ton fehlt, sondern es ist ein ganz eigenes Kunstwerk. Wie wirken denn auf dich Stummfilme?

 

Kassandra Wedel [00:12:37]

 

Ich liebe Stummfilme. Ich habe schon in welchen gespielt. Ich war letztens auch beim Kurz- und Stummfilm-Fest dabei. Als Kind habe ich auch Stummfilme geliebt. Aber für mich waren alle Filme stumm. Früher gab es keine Untertitel. Ich musste mir alles selber erdenken, was gesprochen wird und gesagt wird. Aber ich finde auch, Stummfilme sind noch mal ein ganz eigenes Kunstwerk. Stummfilme kann man verstehen. Sie haben einen roten Faden. Allein nur von den Bildern her kann man visuell verstehen, worum es geht. Auch wenn sie teilweise abstrakt sind. Sie lassen dem Zuschauer ein bisschen einen Interpretationsraum.

 

Maximilian Sippenauer [00:13:13]

 

Jetzt haben wir dich natürlich als Künstlerin zu Gast und wir reden natürlich viel über Gehörlosigkeit. Stört es eigentlich manchmal, dass du als Schauspielerin oft die Gehörlose spielen musst und im Theater auf der Bühne immer wieder das Thema Gehörlosigkeit verhandeln musst. Stört dich das?

 

Kassandra Wedel [00:13:31]

 

Also im Allgemeinen stört mich: Es gibt bestimmte typische Fragen in Interviews, die immer wieder kommen. Sie langweilen mich, weil ich das Gefühl habe, ich habe als Künstlerin mehr zu erzählen, als nur auf meine Gehörlosigkeit reduziert zu werden.  Es gibt auch beim Film bestimmte Rollen, wo man die Gehörlose spielt und keinen speziellen Charakter, der nebenbei gehörlos ist, so was wie "weiße Haut" oder "Sommersprossen". Wenn es so wäre, die Gehörlosigkeit, dann wären für mich die Rollen interessanter. Es stört mich manchmal schon. Ich denke, man darf mehr Mut haben, andere Rollen zu schreiben. Aber ich glaube, es fehlt einfach sehr oft an Wissen von den Autoren. Es fehlt oft die Berührung zwischen Gehörlosen und Hörenden. Es fehlt, dass man überhaupt auf die Idee kommt oder dass man gute Drehbücher schreiben kann. Aber, dass auf der Bühne das Thema Gehörlosigkeit verhandelt wird, finde ich gut. Weil ich glaube, auch das Publikum muss darüber etwas lernen. Das Problem ist einfach immer, wer macht die Aufklärung oder wie klärt man das Publikum auf? Wie kann man euch mit in unsere Welt holen? Oder womit beschäftigen wir uns? Oder was ist unsere Geschichte? Dafür finde ich die Bühne gut, wenn man sich dann wirklich damit auseinandersetzt. Ich glaube, das ist auch für uns Gehörlose wichtig.

 

Benedikt Mahler [00:14:54]

 

Wenn du jetzt ein Theaterstück einstudierst oder beim Fernsehen am Set bist, dann hast du es da natürlich meistens mit einem hörenden Umfeld zu tun. Du kannst super Lippen lesen, wie wir hier gerade total baff feststellen, aber trotzdem: Die Leute müssen sich zu dir drehen, wenn sie mit dir sprechen. Es muss hell sein. Es muss nicht leise sein, um sich gut zu unterhalten und verstehen zu können, sondern es muss hell sein, dass du die Lippen gut siehst und ihr euch gut verstehen könnt. Was hast du denn für einen Eindruck, wie ist es für deine Kollegen, mit denen du arbeitest?

 

Kassandra Wedel [00:15:25]

 

Sehr verschieden. Aber die meisten Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, bringen schon eine gewisse Aufgeschlossenheit und Neugier mit. Sie sind bereit darauf einzugehen. Sie sind neugierig kennenzulernen, wie funktioniert die Kommunikation mit mir oder wie ist sie anders.

 

Maximilian Sippenauer [00:15:41]

 

Wir haben mit Schauspielern geredet, die mit dir gearbeitet haben. Und sie haben gemeint, es war total mind blowing und hat sie sehr verändert.

 

Kassandra Wedel [00:15:48]

 

Mir fällt immer wieder auf, wie viele Schauspieler, die vom Sprechtheater kommen und so ausgebildet wurden, die sagen immer: Jahrelang wurden wir darauf trainiert, unsere Stimme und unsere Mimik nicht zu stark einzusetzen, weil es sonst künstlich wirkt. Auf einmal arbeiten sie mit Gehörlosen. Bei uns ist es normal, dass man die Mimik einsetzt. Das ist nicht künstlich. Nein, es gehört sich so. Es gehört zu unserer Sprache dazu. Wenn sie dann auf einmal Gebärdensprache lernen oder in einem Stück benutzen sollen, ist es ungewohnt, weil sie sich die Mimik all die Jahre abtrainiert haben. Wenn sie auf einmal wieder dürfen und ihr Gesicht bewegen sollen. Es ist ungewohnt, aber ich mag dabei zu beobachten, wie ihre Art der Gebärdenmimik so eine eigene Form hat. Das gefällt mir. Solche Erfahrungen sind für mich meist positiv.

 

Benedikt Mahler [00:16:46]

 

Kassandra, du hast mal gesagt, du bist in zwei Welten groß geworden. Bei den Hörenden wärst du die Gehörlose und bei den Gehörlosen wärst du nicht gehörlos genug. Wie meinst du das denn?

 

Kassandra Wedel [00:16:58]

 

Hm, aufgrund dessen, weil ich einen anderen Hintergrund habe, eine andere Geschichte. Eigentlich hat jeder Gehörlose eine individuelle Geschichte, wie er groß geworden ist. Das ist total verschieden. Ich bin ja nicht taub geboren. Ich war ja nicht von klein auf in der Gehörlosen-Schule, sondern in der Hörenden-Schule. Ich bin in meinem Dorf aufgewachsen mit hörenden Freunden. Meine Muttersprache war ja die gesprochene Sprache und ich hab' später Gebärden gelernt. Ich spreche auch und aufgrund dessen bin ich für viele Gehörlose - oder war ich zumindest damals, mittlerweile verändert sich auch die Sichtweise, eine Perspektive, verändert sich etwas mit dem Bewusstsein - aber damals war es halt so: Wenn du sprichst, bist du nicht taub. Oder du bist schwerhörig. Weil du sprichst, dann hörst du ja noch was. Aber: Ich bin taub. Vielleicht bin ich sogar tauber als sie. Aber sie sprechen halt nicht oder wollen nicht oder sind einfach nur mit Gebärdensprache groß geworden. Und ich bin zweisprachig. Das ist für für viele Gehörlose diffamierend. Oder sie denken, wenn sie spricht, dann hört sie ja noch was. Ich glaub', das ist für viele Hörende auch so. Viele Hörende, mit denen ich zusammen bin, vergessen manchmal, dass ich gehörlos bin, weil ich spreche. Das ist so ein Punkt. Es gibt aber nicht: So und so hat ein Gehörloser zu sein. Das gibt es eigentlich nicht. Für mich trifft zu: Ich bin gehörlos. Ja, ich spreche, aber ich gebärde trotzdem. Ich glaub' einfach, auch die Gehörlosen müssen lernen, dass man nicht alle in eine Schublade stecken kann. Genauso wie die Hörenden lernen müssen, dass nicht jeder Gehörlose spricht. Man kann auch nicht jeden Gehörlosen dazu zwingen. Es ist so individuell.

 

Benedikt Mahler [00:18:39]

 

Jetzt haben wir schon von einem Austausch gesprochen. Was müsste denn passieren, dass Menschen mit Behinderung sich noch besser und barrierefreier und mit einer größeren Selbstverständlichkeit in unserer Gesellschaft bewegen können und auch daran teilnehmen können?

 

Kassandra Wedel [00:18:54]

 

Ich glaube, ich will jetzt nicht pädagogisch klingen, aber das Allerwichtigste ist, dass man aufeinander zugeht und dass man sich auf Augenhöhe begegnet, dass man bereit ist voneinander zu lernen. Ganz egal, ob man taub ist oder schwarz oder weiß oder schwul oder wenn man im Rollstuhl sitzt. Auch ich lern' immer wieder Neues. Ich hatte vor Kurzem einen Auftritt, da saß der Moderator im Rollstuhl und er hatte darum gebeten, dass wir Tänzer nach unserem Auftritt sitzen. Ich habe mir gedacht, muss nicht sein, weil wir sind sowieso Tänzer, wir können ja nach dem Auftritt stehen. Aber er hat gesagt, ihm wäre es angenehmer, wenn wir auf Augenhöhe sitzen würden. Dann haben wir das ausprobiert. Und ich saß mit ihm auf Augenhöhe. Das war wirklich ein ganz anderes Gefühl. Und auch ich als Taube musste lernen: Okay, auch ich muss bereit sein, jemanden, der anders ist oder andere Bedürfnisse hat oder andere Wünsche, darauf einzugehen. Und es ausprobiert zu haben, da hatte ich hinterher das Gefühl: Stimmt, es war gut. Es war viel besser und ein anderes Miteinander. Ich glaub' allgemein einfach nur, dass man sich auf Augenhöhe begegnet, dass man offen ist und voneinander lernt. Ich glaube, dass ist das Allerwichtigste. Und dann geht der Rest von selbst. (lacht)

 

Maximilian Sippenauer [00:20:16]

 

Jetzt bist ja doch ein bisschen pädagogisch geworden und das passt jetzt vielleicht zur letzten Frage. Du hattest ja einen großen Hype: Tatort und viele Engagements. In den letzten Jahren hast du dich aber auch ein bisschen mehr aufs Unterrichten konzentriert. Du bist ja auch Tanzlehrerin. Hast du fürs Erste viel erreicht und willst deine Erfahrungen jetzt an junge Künstler weitergeben? Oder welche Ziele hast du dir für deine Zukunft eigentlich gesteckt?

 

Kassandra Wedel [00:20:49]

 

Die letzten Jahre, als ich viel auf den Bühnen unterwegs war, auch im Tatort und so weiter, wurde das Unterrichten ein bisschen weniger, weil ich nicht mehr so viel Zeit dafür hatte. Aber es ist immer noch da. Im Allgemeinen ist mir schon wichig, mein Wissen und mein Können an andere Menschen weiterzugeben und vor allem auch zu motivieren. Das ist gut, dass andere Gehörlose tanzen können, dass wir Theater spielen können. Aber ich wusste und wollte immer Künstlerin sein. Ich will Kunst machen, egal welche Form. Aber mir war immer klar: Ich will Kunst machen, aber ich habe mir jetzt keine bestimmten, festen Ziele gesteckt. Weil ich glaube, ich bin insgesamt schon eher ein Mensch, der schaut, was auf ihn zukommt. (lacht) Ja, dabei bleibt's.

 

Benedikt Mahler [00:21:43]

 

Bevor wir Tschüss sagen. Ich hab‘ noch eine Frage: Wie wir dein Stück geschaut haben, wurde danach lautstark applaudiert und es gehen natürlich auch ganz viele gehörlose Menschen zu dir in die Vorstellungen und die applaudieren anders. Wie wird denn da applaudiert?

 

Kassandra Wedel [00:22:00]

 

Man wedelt mit den Händen.

 

Maximilian Sippenauer [00:22:05]

 

Und jetzt war natürlich die erste Frage, die wir uns gestellt haben. Wie wird man denn ausgebuht?

 

Kassandra Wedel [00:22:15]

 

Gute Frage. Wahrscheinlich kein Applaus. Ich bin noch nie ausgebuht worden. (lacht). Zum Glück. Aber, es gibt da so eine Sache, die mich ein kleines Bisschen stört an der Gehörlosen-Kultur. Es ist anstrengend mit den Händen nach oben zu wedeln. Normalerweise, als hörender Mensch, wenn du applaudierst (applaudiert), holst du mit dem Applaus die Schauspieler auf die Bühne. Wenn immer noch applaudiert wird, dann kommt man nochmal auf die Bühne. Bei den Gehörlosen ist es anders. Es hat sich irgendwann mal so eingebürgert, wahrscheinlich, weil es anstrengend ist, mit den Händen zu wedeln. Sie wedeln, wenn du auf die Bühne kommst. Wenn du runtergehst, wedeln sie nicht mehr. Wenn du wiederkommst, wedeln sie wieder. (lacht) Ich weiß dann gar nicht, ob es denen gefallen hat. (lacht weiter) Sie wedeln nur, wenn man auf die Bühne kommt. Wenn der Applaus sehr groß ist, dann gibt's auch die Füße dazu. (trampelt mit den Füßen) Da sieht man dann schon, dass das ein starken Applaus ist. Wenn sie nicht so begeistert sind, dann, ja, ist er klein.

 

Maximilian Sippenauer [00:23:18]

 

Aber es gibt kein spezielles Ausbuhen, wenn man mit den Händen am Boden oder unter dem Tisch wedelt?

 

Kassandra Wedel [00:23:21]

 

Das ist eine gute Idee! (lacht) Das gefällt mir! Das gefällt mir! (lacht weiter) Das kann ich jetzt verbreiten. Schaut, das ist das Tolle. Es kommt von Hörenden, von euch. Es war eure Idee. Das mag ich, weil man einen Austausch hat. Gehörlose machen sich ja keine Gedanken ums Ausbuhen oder nicht. (lacht) Nicht dass ich wüsste.

 

Maximilian Sippenauer [00:23:45]

 

Also wenn in Zukunft Menschen mit Händen nach unten wedeln...

 

Benedikt Mahler [00:23:50]

 

... dann sind wir am Ende daran schuld.

 

Maximilian Sippenauer [00:23:53]

 

Kassandra Wedel war das heute in "Verriss und Vorurteil". Sehr schön, dass du da warst.

 

Kassandra Wedel [00:23:58]

 

Danke, hat mich gefreut! Ich hoffe, ihr hattet auch alle Spaß, liebe Zuhörer!

 

Benedikt Mahler [00:24:02]

 

Ja, unbedingt. Es war wirklich eine ganz außergewöhnliche und tolle Sendung. Vielen Dank, dass du da warst. Wir danken auch ganz herzlich unserer Kollegin Anna Landefeld für die redaktionelle Mitarbeit und die Vorstellung.

 

Benedikt Mahler [00:24:12]

 

Ich bin Bene Mahler...

 

Maximilian Sippenauer [00:24:15]

...und ich bin Maximilian Sippenauer. Danke fürs Zuhören.