Transkript Lilienthal

DER TITEL

 

Matthias Lilienthal [00:00:02]

Verriss und Vorurteil. Ein Theaterpodcast. Heute mit mir als Gast: Matthias Lilienthal.

Das Thema der Sendung: Theater zu Parkhäusern. Über die Zukunft einer Institution.

 

DAS INTRO

 

Benedikt Mahler [00:00:17]

Schön, dass ihr dabei seid bei Verriss und Vorteil. Von und mit Bene Mahler...

 

Maximilian Sippenauer [00:00:22]

 

...und mit mir: Maximilian Sippenauer. Bevor wir loslegen, noch ein kleiner Hinweis in eigener Sache. Bei Podcasts wird ja immer so gefragt, wenn man zu zweit moderiert: "Warum macht ihr das zu zweit? Habt ihr unterschiedliche Rollen? Kann man euch klar unterscheiden?" Und da haben wir viel darüber nachgedacht und: Nein! Haben wir nicht. Wir machen das einfach nur gerne zusammen und für alle, für die das etwas verwirrend sein sollte: Denkt euch Bene und mich einfach als eine Person.

 

Benedikt Mahler [00:00:45]

 

Wir machen es eigentlich nicht anders.

 

Matthias Lilienthal [00:00:46]

Ich habe die Vermutung, dass das ganz fies ist. Weil ihr könnt euch zu zweit ausdenken, wie ich irgendwo reinrassle.

 

Maximilian Sippenauer [00:00:57]

 

Da sind wir schon bei unserem Gegenüber, der viel wichtigeren Person Intendant: Matthias Lilienthal. Hallo, schön, dass du da bist.

 

Matthias Lilienthal [00:01:01]

 

Hallo.

 

Benedikt Mahler [00:01:02]

 

Matthias, gelabelt hat man dich ja wirklich schon in jeder erdenklichen Art und Weise. Du bist der Theater-Berserker, der Kapuzen-Matze, der Edelpenner, der Bürgerschreck. Aber eigentlich bist du doch ein ganz anderer. Meint zumindest unsere Kollegin Anna Landefeld.

 

DIE VORSTELLUNG

 

Anna Landefeld [00:01:20]

 

Das Leben brachte Matthias Lilienthal wahrscheinlich in einem Flixbus von Berlin-Neukölln nach München. Hier in der Stadt der Scheinschönen und Steinreichen in der alles so schön fein sauber ist, entstaubt er seit 2015 als Intendant der Kammerspiele einen bürgerlichen Setzkasten.  Und ersetzte ihn durch ein Fenster in die Stadt. Durch dieses Fenster blickt der Realitätsfanatiker Matthias Lilienthal seitdem auf München. Auch wenn das nicht allen in den Kram passt. So beefte sich der eigentlich Sanftmütige mit einer Münchner Stadtratspartei, deren Namen mir doch glatt entfallen ist. Und einem Politiker, der dabei an eine nervöse Mutti erinnerte, die ihren 59-jährigen Sohn beim Kiffen erwischt hat. Aber egal. Matthias Lilienthal hat nämlich schon krassere Typen ausgestanden. Frank Castorf zum Beispiel. Mit dem erdachte er Anfang der Neunzigerjahre die Berliner Volksbühne und schenkte dem Choleriker das Unikum Christoph Schlingensief. Bis, ja, bis Theaterfürst Castorf seinen Dramaturgen Lilienthal einfach vom Hof jagte. Wie erträgt man so was? Nur, indem man alle Menschen aufrichtig liebt und am liebsten die ganze Welt in seinen knallorangen Kapuzenpulli wickeln würde. Noch bis 2020 strawanzt Lilienthal in seiner Paraderolle des Edelpenners durch München. Bis ihn das Leben, vermutlich im FlixBus, in die nächste Metropole treibt. Der das ein oder andere Geschmeide abgenommen werden will.

 

DAS GESPRÄCH

 

Maximilian Sippenauer [00:02:54]

 

Matthias, wir haben es gerade gehört: Du wärst ja eigentlich ein Gast, der prädestiniert ist, um über die gute alte Theaterzeit zu plaudern. Schlingensief, Castorf, Volksbühne. Da könnte man super darin schwelgen. Machen wir heute aber nicht, oder vielleicht höchstens am Rande. Wir wollen mit dir über etwas ganz anderes reden. Dich vielleicht ein bisschen besser kennenlernen und über den Zustand und die Zukunft des Theaters reden und diese vermaledeite Blase endlich zum Platzen bringen.

 

Benedikt Mahler [00:03:19]

 

Darum soll es heute gehen. Und Matthias, jetzt kennen wir uns nur ein bisschen. Seit fünf Jahren. Wir duzen uns. Aber ich weiß eigentlich gar nicht warum. Wir kennen uns ja gar nicht. Aber das Duzen gehört bei dir zum guten Ton. Wie dumm muss man dir denn kommen, dass man von dir gesiezt wird?

 

Matthias Lilienthal [00:03:34]

 

Ach, gar nicht. Also ich duze eigentlich alle konsequent durch. Am HAU, aber auch an der Volksbühne war es immer so, dass alle sich geduzt haben und dass es da eigentlich keine Distanz gab und außerdem ist das ehrlich gesagt in Berlin allgemein gesellschaftlicher Brauch. Da duzt man auch den regierenden Bürgermeister und das ist auch wurscht. Und in den Beschreibungen geht es ja immer auf Enfant Terrible und Agent Provocateur und so weiter. Und, ich glaube davon stimmt auch ein Teil. Aber ich glaube, dass meine Qualität eigentlich normalerweise ist, dass ich mit allen reden kann. Dass ich mit Dieter Reiter irgendwie befreundet sein kann. Und dass ich mit dem Penner unter der Reichenbacher Brücke rede und dass ich mit den Politfuzzis rede. Und nur nicht mit den Besuchern der Staatsoper.

 

Maximilian Sippenauer [00:04:20]

 

Naja, vielleicht hat es aber ein Stück weit mit deiner Vergangenheit zu tun. Wir haben es gerade von Anna gehört: Du bist ja in Berlin-Neukölln aufgewachsen. Und Neukölln klingt ja immer so abgefuckt. Irgendwie nach „4 Blocks“ oder „Dogs of Berlin“...

 

Matthias Lilienthal [00:04:33]

 

...Sonnenallee.

 

Maximilian Sippenauer [00:04:33]

 

Sonnenallee. Genau.

 

Matthias Lilienthal [00:04:37]

 

Aber natürlich ist es so: Als ich Kind oder Jugendlicher war, da war Neukölln anders abgefuckt. Da waren das ordentliche, deutsche Arbeiter und Omas mit sehr klaren Meinungen und das war durch und durch ein weißer Bezirk, in dem sich sowieso kein Migrant hätte verlieren können. Und die Sonnenallee war einfach nur eine proletarische Hochburg. Mein Vater war Ingenieur an einem Gaswerk und ich bin da in so Dienstwohnungen auf dem Gaswerk die ersten 14 Jahre meines Lebens aufgewachsen.

 

Maximilian Sippenauer [00:05:11]

 

Ich wollte gerade sagen. Das Klischee ist ja eigentlich nicht wahr. Nähe Richardplatz war das, oder?

 

Matthias Lilienthal [00:05:16]

 

Eigentlich direkt am S-Bahnhof Sonnenallee.

 

Maximilian Sippenauer [00:05:19]

 

Aber da gibt's diese böhmischen Häuser, da gibt's einmal im Jahr ein Heuballenrennen. Das hat ja auch so etwas Dörfliches, Behütetes diese Gegend da unten bei Rixdorf. Also was hast du da für Erinnerungen an diese Zeit?

 

Matthias Lilienthal [00:05:30]

 

Ach, Neukölln war zu der Zeit einfach total spießig und insofern stimmt auch diese Rixdorf-Assoziation. Aber es war, da es eine Arbeitergegend war, ganz klar, dass man mit Mittelstand nix zu tun hatte. Meine Eltern haben mich dann irgendwann auf ein sehr gutes Gymnasium geschickt und da war ich dann halt der proletarische Depp, den man so ein bisschen gehänselt hat und diese Lust an dieser Außenseiterstellung pflege ich nach wie vor.

 

Benedikt Mahler [00:06:00]

 

Wo ging's denn danach hin? Nach Neukölln? Du bist In Berlin geblieben. Es gibt auch die Geschichte, dass du schon mit 18 ein Engagement an einem Theater angeboten bekommen hast.

 

Matthias Lilienthal [00:06:09]

 

Ja.

 

Benedikt Mahler [00:06:09]

 

Wo ging es denn hin? In welchen Stadtteil?

 

Matthias Lilienthal [00:06:11]

 

Du, meine Eltern sind, als ich 14 war, dann in die Gropiusstadt gezogen und haben da ein Eigenheim gekauft und ich bin dann mit 18 nach Charlottenburg gezogen und hab da dann hospitiert am Theater Bremen und die wollten mich damals Regieassistent engagieren. Und dann abgesagt, weil ich gesagt habe, ich kann nicht in so einer Lebensverwertungsmaschine mit 18 anfangen zu arbeiten, wenn ich noch gar nicht weiß, was das Leben und die Realität ist. Und dann schlitterte ich eigentlich von den Hospitanzen in Bremen mehr oder minder in die Berliner Hausbesetzerszene rein und ich gehörte da eigentlich zu so einem Haus, Bülowstraße 52, Schöneberg. Das war eigentlich eine gesellschaftliche Situation, wo plötzlich so die Popper aufkamen und die, die bestimmende Jugendszene waren und man gedacht hat, politisch passiert jetzt eh einfach überhaupt nichts mehr. Und dann kamen mit einem plötzlich diese Auseinandersetzungen um die besetzten Häuser und wir haben dann auch extrem viele Sachen in der Gesellschaft Berlins umgewälzt. Eigentlich ging es dann von der Hausbesetzerbewegung direkt zu den „Shaby Shaby Apartments“ in München.

 

Benedikt Mahler [00:07:15]

 

Dazwischen ist natürlich auch noch ordentlich was passiert. Du hast reichlich und lange studiert an der FU und du hast dann auch schon ein bisschen Geld verdient unter anderem als freier Journalist. Du hast für die taz geschrieben, später sogar für die SZ. Warum ist eigentlich nie ein großer Schreiberling aus dir geworden?

 

Matthias Lilienthal [00:07:31]

 

Also Geld verdient habe ich nicht wirklich. Wie ihr besser wisst als ich. Ich bin kein großer Schreiberling. Also ich kann schreiben, aber ich brauche irrsinnig lange dafür. Ich hab's sogar mal bis auf die Titelseite der Süddeutschen geschafft, damals als 25-jähriger Journalist. Aber das ist nicht mein Ding. Das ist nicht meine erste Qualität. Auch im Theater ist es so, dass die Dramaturgen für mich Texte schreiben müssen und ich nur im Notfall irgendetwas schreibe.

 

Maximilian Sippenauer [00:07:57]

 

Haben diese Erfahrung denn dein Verhältnis zu Journalisten heute irgendwie beeinflusst? Kennst du die andere Seite?

 

Matthias Lilienthal [00:08:03]

 

Das ist zu viel gesagt. Also natürlich macht es das einem leichter, sich in Journalisten hineinzuversetzen, wenn du das auch selbst mal gemacht hast. Und wenn du weißt, wie mühsam das ist. Mir hat eigentlich diese journalistische Zeit zu meiner ersten großen, wichtigen Connection im Theaterbereich verholfen, weil ich damals zu den DDR Werkstatttagen des Jungen Theaters gegangen bin. Und da liefen mir als erste Frank Castorf und Leander Haußmann über den Weg.

 

Maximilian Sippenauer [00:08:34]

 

Also, du warst als Journalist dort?

 

Matthias Lilienthal [00:08:35]

 

Ich war als Journalist dort und habe Inszenierungen von Frank aus Karl-Marx-Stadt geguckt und habe damals unter Pseudonym für die taz geschrieben und habe darüber Frank kennengelernt. Irgendwie ein halbes Jahr später hatte Frank dann eine Ausreise nach West-Berlin, weil seine Großtante irgendwie 80 geworden war. Und dann stand er halt bei der WG vor der Tür und klingelte und wollte Berlin gezeigt kriegen und darüber haben wir uns eigentlich kennengelernt.

 

Maximilian Sippenauer [00:09:02]

 

Theater, Journalismus. Du sprichst da von einer Komplizenschaft damals. Heute sind es ja zwei Krisenmedien, die sich da gefunden haben.

 

Benedikt Mahler [00:09:11]

 

Das Allerschlimmste daran ist, man hat ja auch noch gerade in München den Eindruck gehabt, die beiden haben jetzt nichts Besseres zu tun als übereinander herzufallen. Uns geht's ja eigentlich darum, eine neue Sprache zu finden, um über dieses Medium zu sprechen, weil wir den Eindruck haben, wir finden keine gemeinsame Sprache mehr, die wir alle verstehen. Nicht eine ästhetische, nicht sozusagen eine, die auch in einem kulturjournalistischen Medium in einer Sprache verhandelt wird, die die Menschen verstehen.

 

Matthias Lilienthal [00:09:39]

 

Ich würde es ganz gerne mal ein bisschen genauer auseinandernehmen. Also ich glaube, dass deine Schilderung von Rundfunk und Fernsehen und Zeitung natürlich eine Krise beschreibt. Bei Rundfunk, Fernsehen und Zeitungen hat man ja ganz stark dieses Moment, dass die gedruckte Ausgabe unwiederbringlich ins Netz transferiert werden wird auf lange Sicht. Und dass auch in fünf Jahren so etwas wie Fernsehen in der Form der Rezeption, wie wir es von unseren Eltern kennen, nicht mehr existiert. Da sind riesige technologische Änderungen im Gange, die einen extremen Einfluss auf die Formen und Inhalte von Journalismus haben. Im Theater gibt es diese Art von Krise so erst mal nicht. Es gibt auch technologische Veränderungen - der Einsatz von Video, eine stärkere Verwertung über Internet - aber Zentrum bleibt ja immer noch irgendwie das Menschen auf einer Bühne und Menschen im Zuschauerraum sich treffen und was angucken. Da gibt es ja in dem Sinne kein Mediumwechsel. Natürlich ist die Krise von Theater riesig. Würde ich auch vollständig so beschreiben, weil natürlich eine 50er, 60er Jahre Gesellschaft - und das Theater in Deutschland kommt ja eigentlich aus der Zeit der Verstaatlichung privater Theater im Faschismus und so einer reichwerdenden Nachkriegsgesellschaft - und die hat sich in diesen Theatern gespiegelt. Diese Nachkriegsgesellschaft gibt es nicht mehr. Gerade München hat eine Gesellschaft, w o alle zum Mittelstand gehören und wo es so etwas wie eine Unterschicht scheinbar nicht gibt. Wie also findet sich eine solche Gesellschaft in einer Art von Theater repräsentiert. Und da haben wir ja ein paar Versuche gemacht, haben gesagt, wir finden es gut, wenn in dem Ensemble Namen wie Hassan Akkouch oder Benjamin Radjaipour vorkommen. Wenn sich da auf einmal eine andere Gesellschaft spiegelt. Da ist natürlich im Grunde genommen eine künstliche Behauptung drin, weil erst einmal die Rezeption von Theater und das Angebot von Schauspielern durch die Schauspielschulen erst mal nicht auf migrantischen Hintergrund gehen.

 

Maximilian Sippenauer [00:11:50]

 

Ein Ansatz von dir war es ja auch, die große Dialyse-Maschine anzuschmeißen. Zu sagen, wir versuchen auch ein neues Publikum zu kriegen, junge Leute zu holen und es hat auch funktioniert. Nicht immer, aber ich war letzte Woche noch einmal zur Verifikation in "Trommeln in der Nacht" - das war Wahnsinn, wie viele junge Leute da drin waren. Es gab Standing Ovations am Ende. Die Leute haben gejohlt und hats gefallen. Dann geht man raus und die reden aber nicht wirklich drüber und manchmal habe ich den Eindruck, mal zugespitzt formuliert, d a gehen jetzt junge Leute ins Theater, denen fehlt aber ein bisschen die Sprache darüber zu reden und gleichzeitig gibt es dieses traditionelle Publikum, das bewusst nicht mehr hingeht und die zerreißen sich das Maul. Was ist da los? 

 

Matthias Lilienthal [00:12:31]

 

Ich bin ja froh, wenn die Älteren sich das Maul zerreißen. Dann regt es sie ja auf und bringt sie durcheinander. Selbst wenn am Ende der Entschluss steht, nicht mehr in die Kammerspiele zu gehen. Trotzdem hat das in ihrem Leben was bewirkt. Ich glaube, dass es uns ehrlich gesagt ganz gut gelungen ist. Ich war zum Beispiel vorgestern Abend nehmen Philipp Quesnes Gastspiel von "Crash Park" und ich war total überrascht. Da war ein urbanes, studentisches, junges Publikum drin, was eine Lust hatte, sich in einem Diskurs über das, was sie gesehen haben, auszutauschen. Und "Trommeln in der Nacht" ist relativ stark von Schülern besucht. Und natürlich ist diese Art von Diskurshaftigkeit, dass man eine Uraufführung aus den 20er Jahren quasi kopiert und reenactet, dass man das Reenactment ausstellt und dass man es dann verlässt - die Inszenierung interessiert sich ja über weite Strecken gar nicht für die Frage von Revolution oder 1918, sondern sie setzt sich ja fast in so ein medientheoretisches Verhältnis zu einer Uraufführung - dass das jetzt für Schüler relativ weit weg ist und schwer greifbar ist, das verstehe ich total. Und da kann ich auch verstehen, dass die Leute eher nicht danach drüber quatschen, aber trotzdem für mich eine aufregende und geglückte Aufführung und auch diese Schüler selbst, wenn sie diesen Ansatz ignorieren, haben ja ein Verhältnis zu dem Stück, was sich da abspielt. Insofern sind das Sachen, wo ich finde, dass unsere Arbeit eher auf den Punkt gekommen ist.

 

Benedikt Mahler [00:14:03]

 

Es gibt natürlich auch eine riesige Menge junger Menschen, die gehen gar nicht ins Theater, die waren vielleicht noch gar nicht im Theater; im ganzen Leben nicht. Und ich muss auch sagen, ich habe in meinem Freundeskreis auch viele Menschen, die sagen, "ach nee, ich geh da nicht hin, das ist mir irgendwie zu exklusiv und verstehen tue ich von der Kunstkacke eh nichts, aber wenn dann hätte ich es gern mal wieder historisch. Ein altes Stück in historischen Kostümen und mit einer Message.".

 

Matthias Lilienthal [00:14:27]

 

Dass man, wenn man anfängt Theater zu rezipieren, erst mal Narrationen will, kann ich auch verstehen, weil es eine andere Nachvollziehbarkeit hat. Ich finde ja, dass in München das Volkstheater gerade mit einem narrativen Theater total wichtige Arbeit macht. Das Residenztheater schrubbt einen Klassiker nach dem anderen und verschont da die Leute vor zu starken Ansätzen. Und dann kann es in einer Stadt wie München auch ein Theater geben, was versucht, inhaltlich und formal immer wieder mit innovativen Ansätzen umzugehen. Dass das innerhalb der Stadt nur bedingt zum Hype geworden ist, bedaure ich sehr. Aber das hat auch manchmal gar nicht so viel damit zu tun, was man an Arbeit anbietet oder nicht anbietet. Aber dass sich nur ein sehr kleiner Teil von Menschen für Theater interessiert hat, war immer so. Das kenne ich einfach überhaupt nicht anders.

 

Maximilian Sippenauer [00:15:22]

 

Was mir aber auch auffällt, ist dieser Duktus, in dem in dieser Blase, also in dem auch im Journalismus mit dem traditionellen Publikum und auch mit den jungen Leuten, die dann da rein wollen, über Theater geredet wird. Diese Gespräche sind immer so durchdrungen von so einer absoluten Heiligkeit des Mediums, die einfach unhinterfragt bleibt. Also so, wie wenn man einen Rubens anschaut. da wird ja gar nicht mehr gefragt, ob das gut oder schlecht ist. Weil da steht Rubens drauf. Rubens, da weiß man, das ist Kunst. Da gibt es so ein großes Weltenrad "Kunst", das irgendwelche Wahrheiten zugrunde befördert... äh zutage... oder zugrunde. Und was mir aufgefallen ist, dass egal mit wem ich spreche, diese Sache, diese Heiligkeit nie hinterfragt wird. Theater, da entsteht etwas Wichtiges. Wenn man sich das mal von ein bisschen weiter weg so ansieht: Leidet dieses Medium eigentlich nicht an maßloser Selbstüberschätzung?

 

Matthias Lilienthal [00:16:12]

 

Total! Dem letzten Satz würde ich total zustimmen, also der Selbstüberschätzung des Mediums. Ich glaube, wir sind nur interessant, wenn wir interessante Dinge tun. Und wenn wir mittelinteressante oder uninteressante Dinge tun, sind wir einfach gähnend langweilig. Und da finde ich, dass Theaterleute absolut oft eine Selbstüberschätzung haben. Die Heiligkeit des Mediums. Ich streite mich mit meinem Chefdramaturgen öfter darum, dass er sagt München ist eine Stadt, die auf Exklusivität basiert und du machst die Aura des Hauses systematisch kaputt. Also gerade die Heiligkeit auszutreiben, den direkten Zugang zu garantieren. Mein Verhältnis zu Netflix ist ja so, dass, da es Netflix gibt, ich gesagt habe: "Ja. Okay, dann zahlt man bei Netflix acht Euro neunzig pro Monat. Dann machen die Kammerspiele für Studenten eine Flatrate, wo sie jeden Tag ins Theater gehen können, die kostet sechs Euro im Monat, die kostet 80 Euro im Jahr. Ich habe ja eher ein positives Netflix-Image und versuche das auf die Kammerspiele zu übertragen. Und das nimmt mir auch ein Teil der Münchner übel.

 

Maximilian Sippenauer [00:17:22]

 

Genau. Ich wollte gerade sagen, ich habe auch manchmal den Eindruck – straf‘ mich Lügen, aber bei vielen ist diese Heiligkeit verbunden mit einer gewissen Angst, dass, wenn man ihnen jetzt auch noch nimmt, dass Theater Kunst produziert... ja, was bleibt dann übrig?

 

Matthias Lilienthal [00:17:34]

 

Ja, aber ihr habt durchaus meine Vergangenheit thematisiert. Und die Volksbühne hat ja im Selbstfindungsprozess der Stadt Berlin nach der Wende mit der Polemik zugunsten des Ostens wichtige Identifikation in der Stadt geschaffen. Und auch die MeToo-Debatte befördert Marthaler und Castorf auf eine bestimmte Art von Haufen. Also bei Frank ist es interessant, ob der da nochmal seine Grund-Metaphorik und seinen Blick auf Welt wirklich ändert, aber da das so eingeschrieben ist in den eigenen Körper, bezweifle ich das so ein bisschen, ob er die Kurve kriegt.

 

Matthias Lilienthal [00:18:14]

 

Und ich glaube, dass der ganze Identitätsdiskurs und die MeToo-Debatte da eine neue Generation extrem stark definieren. Oder das HAU hat in den Nuller-Jahren durch das Aufgreifen des Themas Migration und durch das Aufgreifen des Themas Dokumentar-Theater sehr deutliche Impulse gesetzt hat. Das HAU war als Theater total wichtig, aber hat auch den Bezirk Kreuzberg mit gentrifiziert in all diesen Ambivalenzen. Und mich hat interessiert, nicht aus einer Außenseiterposition, sondern aus einem sehr wohnzimmerhaften, schönen Theater im Jugendstil-Dekor mit einer glorreichen Vergangenheit zu gucken, wie kriegt man so einen Laden in eine gesellschaftliche Reibung rein und die gesellschaftliche Reibung habe ich ja nun par excellence hingekriegt. Und bescheiden wie ich bin, habe ich auch mal die Briefe von Fritz Kortner gelesen. Fritz Kortner ist ein jüdischer Regisseur, der im Exil war und der eigentlich der Antipode zu Gründgens war. Oft wird gesagt Brecht war der Antipode zu Gründgens, aber Kortner hat diesem verschmierten Allgemeinspiel von Gründgens eine erbarmungslose Genauigkeit der Detailauslegung von Klassikern entgegengesetzt - gerade auch an Stücken wie "Kaufmann von Venedig" und hat eigentlich das deutsche Theater vor dem Faschismus gerettet.

 

Matthias Lilienthal [00:19:38]

 

Und auch Fritz Kortner war unter Druck von den Beschäftigten. Hatte totalen Knatsch mit dem Intendanten. Die Stadt hatte keinen Bock auf seine Inszenierung. Insofern ist der Knatsch um die Kammerspiele ein ständig wiederkehrendes Phänomen. Das ist ein bisschen durch die Jahre von Dieter Dorn, die dann nach Kortner kamen, und mit der Süßlichkeit der Arbeiten von Dieter Dorn einfach zugedeckt worden.

 

Benedikt Mahler [00:20:05]

 

Jetzt hast du dich auch fünf Jahre abgerackert. Langweilen wolltest nicht und du hast auch gewusst, dass das unter Umständen ein Kampf wird - und es wurde einer. Was hat dir denn über die Zeit in Kraft gegeben, da an deinen Ideen festzuhalten, sie zu verfolgen, obwohl du wirklich zeitweilig enorm unter Beschuss warst?

 

Matthias Lilienthal [00:20:25]

 

Zum Beispiel hat mir Kraft gegeben: das junge Ensemble, wo ich finde, dass die innerhalb von kurzer Zeit, eine unglaubliche Kraft entwickelt haben. Natürlich auch solche Vorgänge, wie im letzten Juni, Juli, also die Auseinandersetzung über die Ausgehtzt-Demonstration. Das war zwar Druck, aber über den Antrag von Herrn Pretzl von der CSU habe ich jubiliert. Also ehrlich gesagt, dass er dann eine Verordnung herausgibt, den Kammerspielen soll das Demonstrieren verboten werden. An dem Punkt hat mich ja auch das Bürgertum und die Szene der Stadt München vollständig in Schutz genommen und hat gesagt, selbst wenn uns die Inszenierung von dem Trottel auf den Wecker gehen, das kann jetzt einfach nicht sein.

 

Maximilian Sippenauer [00:21:12]

 

Vermutlich war das auch das erste Mal seit langer Zeit, dass für ein Theater im Rahmen demonstriert wurde. Hat dich das berührt damals?

 

Matthias Lilienthal [00:21:22]

 

Ja, diese kleine Demo auf dem Marienplatz oder auch als ich im Vorfeld der Ausgehetzt-Demo auf den Viktualienmarkt gegangen bin und mich dann drei ältere Bürger mit geballter Faust begrüßten. Bilder, die man eher nicht in München vermutet. Da habe ich zum Beispiel eine extreme Welle von Zustimmung gefunden. Es bestreitet ja überhaupt niemand, dass die Kammerspiele aufregende Inszenierungen in den letzten vier Jahren hingelegt haben und dass da extrem was passiert ist. Und auch wenn ich Theatertreffen und Theater heute die Wirkung überhaupt nicht überschätzen würde, aber die Anzahl von Einladungen plus die internationalen Einladungen. Also die Außenreputation der Kammerspiele ist enorm und ich glaube, die Qualität der Arbeit stellt auch kein Mensch infrage.

 

Benedikt Mahler [00:22:10]

 

Das würde ich jetzt direkt weiter verwerten. Wir wollten gerne auch mit das Berliner Theatertreffen sprechen, wo du durchaus Erfolge feiern durftest. Du bist als Intendanten zum vierten Mal eingeladen.

 

Matthias Lilienthal [00:22:22]

 

Also, wenn du meine Biografie nimmst, dann sehr viel öfter.

 

Benedikt Mahler [00:22:24]

 

Wie oft warst du eingeladen?

 

Matthias Lilienthal [00:22:27]

 

Das habe ich überhaupt nicht mehr gezählt. Die Volksbühne war, ich weiß es nicht genau, so zehn, zwölf Mal eingeladen. Das HAU war drei, vier Mal eingeladen. Die Kammerspiele sind vie Mal mit Repertoire- und Ensemble-Inszenierungen eingeladen und drei, vier Mal mit freien Gruppen-Produktionen, die wir koproduziert haben. Da gibt es eine große Wertschätzung und Anhänglichkeit.

 

Benedikt Mahler [00:22:49]

 

Es gibt natürlich auch Leute, die sind da ganz anderer Meinung. Ein guter Freund von dir, über den wir bis jetzt noch nicht weitergesprochen haben, hat über das Berliner Theatertreffen gesagt:

 

Anna Landefeld [00:22:58]

 

"Das Theatertreffen ist nur ein jämmerlicher Fake. Eine miese Nummer, eine Zuchtschau, bei der die Pferde prämiert werden sollen, die am besten laufen. Und man sitzt im Publikum und denkt sich, das kann ja wohl nicht wahr sein, dass das Pferd laufen soll. Das kann ja nicht mal stehen."

 

Matthias Lilienthal [00:23:15]

 

Wer das gesagt?

 

Maximilian Sippenauer [00:23:16]

 

Christoph Schlingensief.

 

Matthias Lilienthal [00:23:17]

 

Das hat er konsequent so lange gesagt, wie er nicht eingeladen war.

 

Maximilian Sippenauer [00:23:23]

 

Mit den Kammerspielen schickst du jetzt dein viertes Pferd hin: "Dionysos Stadt." Ein trojanisches Pferd könnte man sagen.

 

Matthias Lilienthal [00:23:28]

 

Na klar, wir stellen großes Holzpferd hin und alle Schauspieler krabbeln da rein und dann krabbeln sie wieder raus. Und dann haben wir die Festung Berlin genommen.

 

Maximilian Sippenauer [00:23:38]

 

Wie fühlt sich das denn eigentlich an?  Mehr Auszeichnung oder denkst du dir auch, "Fuck. Schon wieder ein Kritikerpleaser."

 

Matthias Lilienthal [00:23:45]

 

Natürlich freue ich mich, weil es auch hilft, die Angriffe in der Stadt zu relativieren und in einer bestimmten Begrenzung zu halten. Und " Dionysos Stadt" ist ein großer, fetter Schinken, eine zehn Stunden Inszenierung und wo man auch auch sehen kann, dass die Kammerspiele ein absolut grandioses Ensemble haben. Etwas, was niemand beschreibt. Alle gucken mich immer an und sehen den zerlöcherten Hoody und dann ist klar, der Idiot hat keine Ahnung von Schauspielern und da gibt es kein anständiges Ensemble und in Arbeiten mit Dionysos kann man das pure Gegenteil davon sehen.

 

Benedikt Mahler [00:24:21]

 

Das Theatertreffen, hast du das als Jugendlicher verfolgt? Hatte das eine Relevanz? Weil immer man dort ist und was schaut, also eine Festival-Stimmung kommt absolut nicht auf.

 

Matthias Lilienthal [00:24:31]

 

Für mich war das als 14-Jähriger total wichtig, weil man da einfach Inszenierungen aus dem restlichen deutschsprachigen Raum sehen konnte. Und ich finde, man kann fröhlich über das Theatertreffen abkotzen und auch zu Recht, aber auf der anderen Seite hilft das Theatertreffen immer wieder jüngeren Regisseuren sich durchzusetzen und ästhetisch neue Positionen zu behaupten. Insofern finde ich das auch durch und durch eine sinnvolle Veranstaltung. Und wenn man jetzt vor fünf Jahren das Theatertreffen eingestellt hätte, würde es mir sehr viel schwerer fallen auch die Kammerspiele innerhalb der Stadt München zu behaupten.

 

Maximilian Sippenauer [00:25:07]

 

Bei der Vorbesprechung hast du ja gesagt, dass große Abrechnungsinterview mit München, mit der CSU, mit der Süddeutschen Zeitung, das wird es nicht geben.

 

Benedikt Mahler [00:25:16]

 

Mir hast du erzählt, dass du es leid bist, über Christoph Schlingensief zu sprechen. Weil es dir mittlerweile so vorkommt, als hättest du mehr Zeit damit verbracht, über ihn zu reden als die Zeit, die du tatsächlich mit ihm verbracht hast.

 

Maximilian Sippenauer [00:25:28]

 

Und über persönliche Dinge sprichst du sowieso nicht. Also war es ein bisschen schwer, jetzt nach hinten heraus eine Frage zu finden.  Was ist eigentlich die Geschichte hinter deinem legendären, orangefarbenen Kapuzenpulli.

 

Matthias Lilienthal [00:25:40]

 

Wie man sieht brauche ich T-Shirts und Hoodies in relativ großer Größe. Und dann bestell ich die bei American Apparel, was es jetzt aber gar nicht mehr gibt. Bei Klamotten habe ich immer dazu geneigt, auffällige Farben zu tragen. Es war schon immer so und das ist halt einfach so. Und auch das Orange macht mir so Spaß, weil es halt ein bisschen nach Müllabfuhr aussieht.

 

Benedikt Mahler [00:26:03]

 

Ja dieser Hoody ist ja in gewisser Weise schon fast ikonographisch geworden. Ihr hattet ihr gerade ein Projekt mit dem Magazin der Süddeutschen Zeitung. Die haben da die jüngste Sommerkollektion von verschiedenen Luxusmarken mit euch sozusagen in Szene gesetzt. Ihr tragt da Markenartikel und dazu so Kostümteile. Und da hat man dir den Hoody auch nicht weggenommen.

 

Matthias Lilienthal [00:26:27]

 

Nee, die wollten den unbedingt und haben den dann halt mit den anderen Klamotten kombiniert und das Foto-Shooting hat total Spaß gemacht und es gab da eine ganz lustige Situation, weil für das Haus des Humors und Gerhard Polt war eine Besichtigung mit 30 Leuten und währenddessen war das Shooting auf der Bühne und dann so, "hey, kannst du nicht mal deine Hosen ausziehen" und dann waren diese 30 Herrschaften und das Nacktsein, die Kommentare der Bühnenarbeiter von hinten. Und solche Situationen liebe ich.

 

Benedikt Mahler [00:26:57]

 

Ja, wer es noch nachschauen mag, der findet die Bilder im Internet. Sie sind tatsächlich sehr sehenswert und sehenswert ist bestimmt auch all das, was wir mit dir hier in der Stadt genießen können in einer nächsten Zeit. Matthias, schön, dass du hier warst hier bei uns.

 

Matthias Lilienthal [00:27:13]

 

Ich bedanke mich, dass ich da sein durfte.

 

Maximilian Sippenauer [00:27:15]

 

Das war Verriss und Vorurteil mit Maximilian Sippenauer...

 

Benedikt Mahler [00:27:19]

 

...mit Bene Mahler und...

 

Maximilian Sippenauer [00:27:20]

 

Matthias Lilienthal und der ganz tollen Anna Landefeld.